Rachid Benzine: Der Buchhändler von Gaza

19.05.2026 08:29
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Gaza-Stadt 2014. Der junge französische Fotojournalist Julien streift durch die Straßen, um Motive zu finden. In einer kleinen Gasse findet er einen Buchladen, vor dem der 66jährige Nabil Al Jaber sitzt und liest. Jeden Tag, bei Tagesanbruch öffnet er seinen Laden, setzt sich an die Schwelle und liest, bis die Sonne wieder untergeht. Wenn jemand den Laden betritt, sucht Nabil für den Besucher ein besonderes Buch heraus und schenkt es ihm. Als Julien Nabil fotografieren will, bremst ihn der Buchhändler: wäre das Foto nicht authentischer, wahrhaftiger, wenn Julien mehr über den Fotografierten wüsste? Und so kommt Julien die nächsten Tage wieder bei Nabil vorbei und dieser erzählt ihm aus seinem Leben. Ein Leben, das während der Nakba begann, durch mehrere Lager und ins Gefängnis führte, von Vertreibung und Flucht, aber auch der Entdeckung der Liebe zur Literatur geprägt wurde und nun hier, in diesem kleinen, staubigen Laden, seinen Sinn gefunden hat.

Eine heikle Angelegenheit. Obwohl die Handlung des Buches vor dem Anschlag vom 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg angesiedelt ist, ist es beinahe unmöglich, diese Ereignisse bei der Lektüre auszublenden. Und natürlich ist die Perspektive von Nabil, der den Großteil des Romans als Erzähler bestreitet, die palästinensische. Andererseits ist es von der Grundtendenz auch ein hochpoetisches Buch, das sich mit der Kraft und Schönheit der Literatur beschäftigt. Aber eben nicht nur, die Politik lässt sich nicht wegschieben. Und es ist bezeichnend, dass das Buch sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien auf positive Reaktionen stieß, im deutschsprachigen Raum aber nach meiner Wahrnehmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschien. Nicht nur Landschaften können kontaminiert sein, sondern auch Themen (um einen Begriff von Martin Pollack zu entlehnen). Wie gesagt, eine heikle Angelegenheit. Der schönste, traurigste und klügste Satz findet sich bereits nach einem Viertel des schmalen Buches: „Dieses Land folgt einer Litanei von Vergeltung auf Vergeltung, von sich ansammelndem Hass, von Trauer, auf die sich noch mehr Trauer legt.“


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