Roberto Saviano: Falcone. Roman.

14.07.2026 05:18
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Roberto Savianos Buch „Falcone" erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen Ende die Leser bereits kennen, noch bevor sie die erste Seite aufgeschlagen haben. Am 23. Mai 1992 tötete eine ferngezündete Bombe mit 500 Kilogramm Sprengstoff auf der Autobahn bei Capaci nahe Palermo den Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, seine Ehefrau Francesca Morvillo sowie die drei Leibwächter Vito Schifani, Rocco Dicillo und Antonio Montinaro. Auftraggeber des Attentats war Salvatore „Toto" Riina, damals Capo di tutti i capi der sizilianischen Cosa Nostra.

Saviano wählt für den Einstieg in sein Buch jedoch bewusst ein anderes explosives Ereignis. Ein Blindgänger aus dem Ersten Weltkrieg detoniert, als Toto Riinas Vater versucht, ihn zu öffnen. Dabei sterben Riinas Vater und ein Bruder, ein weiterer Bruder wird schwer verletzt. Der zwölfjährige Salvatore überlebt unbeschadet.

Zwischen diesen beiden Ereignissen entwickeln sich die Lebenswege Riinas und Falcones in entgegengesetzte Richtungen, auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes.

In „Falcone“ widmet sich Saviano dem Leben des sizilianischen Untersuchungsrichters Giovanni Falcone, der zu einer zentralen Figur im Kampf gegen die Cosa Nostra wurde. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Maxiprozess von Palermo zu, der als Meilenstein im Kampf gegen die organisierte Kriminalität gilt. Gemeinsam mit dem von ihm mitbegründeten Richterpool, der erstmals eine zentrale Bündelung der Ermittlungen gegen die Mafia erreichte, gelang es Falcone, die Cosa Nostra als geschlossene kriminelle Organisation vor Gericht nachzuweisen. Im Rahmen dieses Prozesses wurden 474 Männer angeklagt, denen 120 Morde, Drogenhandel, Schutzgelderpressung und die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen wurden. In 344 Urteilen wurden schließlich Haftstrafen von insgesamt 2665 Jahren verhängt. Der Prozess markierte einen Wendepunkt im staatlichen Vorgehen gegen die Mafia. Saviano schildert diesen juristischen Kraftakt mit großer Detailgenauigkeit und macht dabei deutlich, welch enormen organisatorischen und persönlichen Einsatz Falcone und sein Team dafür aufbringen mussten.

Der berufliche Erfolg schützt ihn jedoch nicht vor Anfeindungen. Wiederholt werden ihm wichtige Positionen verwehrt. Weder gelang ihm der Aufstieg zum obersten Ermittler in Palermo, noch erhielt er den Vorsitz der Nationalen Antimafia-Direktion in Rom. Innerhalb der Justiz begegnen ihm Misstrauen, Rivalitäten und offene Ablehnung. Zudem wurde ihm eine problematische Nähe zum Umfeld des früheren Ministerpräsidenten Giulio Andreotti sowie eine übermäßige mediale Präsenz vorgeworfen.

Der Druck, der auf ihm lastet, ist immens. Zerrieben zwischen behördlichen Ränkespielen und politischen Intrigen, lebt er in dem ständigen Bewusstsein, dass Toto Riina seinen Tod plant. Zahlreiche Weggefährten und Kollegen sind bereits den Mordkommandos der Cosa Nostra zum Opfer gefallen. Dennoch setzt er seine Arbeit unbeirrt fort. Falcone sieht sich als Teil einer Staffel, die jederzeit bereit sein muss, den Stab weiterzureichen, falls ein zu erwartender Anschlag Erfolg haben sollte. Auf den Kinderwunsch seiner Frau reagiert er mit der drastischen Bemerkung: „Man setzt keine Waisen in die Welt!"

Savianos Darstellung verbindet biografische Erzählung, kriminalistische Rekonstruktion und politische Analyse. Seine jahrzehntelange Recherchen haben ihn tief in die Strukturen der organisierten Kriminalität in Italien eindringen lassen. Dementsprechend kann er die Komplexität der Verflechtungen zwischen organisierter Kriminalität, Politik und Wirtschaft, die Falcone und seine Mitstreiter zur Grundlage ihrer Ermittlungen gemacht hatten, nachvollziehen und plausibel darstellen.

Zwei Monate nach Falcones Ermordung wurde Palermo erneut zum Schauplatz eines Anschlags. Am 19. Juli 1992 detonierte in der Via d’Amelio eine Autobombe, die den Untersuchungsrichter Paolo Borsellino, einen langjährigen Freund und Kollegen Falcones, und fünf Mitglieder seiner Eskorte tötet.

Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist, der sich auf die Themen organisierte Kriminalität, Korruption und Machtmissbrauch spezialisiert hat. Weltweit bekannt wurde er durch sein Buch „Gomorrha“, in dem er die Strukturen der neapolitanischen Camorra offenlegte. Seit der Veröffentlichung lebt er unter permanentem Polizeischutz. Für sein publizistisches Engagement gegen das organisierte Verbrechen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2009 mit dem Geschwister-Scholl-Preis, 2012 mit dem Olof-Palme-Preis und 2016 mit dem M100 Media Award. Mit „Falcone" liefert er ein weiteres Werk, das seine Position als einer der profiliertesten Chronisten der italienischen organisierten Kriminalität eindrucksvoll bestätigt. Kein literarisches Meisterwerk, was dem Leseerlebnis aber keinen Abbruch tut.

Roberto Saviano:
Falcone. Roman.
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki.
Büchergilde Gutenberg 2024, 544 Seiten, ISBN 978-3-7632-7569-4


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