Edwin Frank: Stranger than Fiction – Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen

14.07.2026 13:38 (zuletzt bearbeitet: 15.07.2026 08:40)
#1
avatar

Der Roman gilt vielen als die literarische Form schlechthin. Dabei ist er gar nicht so alt, seine (vorläufig) endgültige Gestalt erhielt er im 19. Jahrhundert. Und kaum war er geformt, brach das 20. Jahrhundert an und damit eine Zeit der Umwälzungen, Brüche und Kriege von nie zuvor gekanntem Ausmaß. Darauf reagierten die Schriftsteller, erfanden den Roman neu, experimentierten mit neuen Formen und Stilen. Edwin Frank unternimmt in seinem Buch den ehrgeizigen Versuch, die Entwicklung des Romans im 20. Jahrhunderts anhand von 30 exemplarischen Werken nachzuzeichnen. Dazu ist er durchaus qualifiziert, ist er doch Editorial Direktor des Verlags „New York Review Books“ und betreut dort eine Reihe von Klassiker-Ausgaben. Zudem war er Jurymitglied des International Booker Prize – der Mann weiß also, wovon er schreibt. Wie er in der Einleitung anmerkt, ist es nicht sein Vorhaben, einen neuen Kanon zu erstellen – es wird sich allerdings nicht verhindern lassen, dass viele seine Auswahl als eine Art Kanon verstehen werden.

Beginnen lässt Frank den Roman des 20. Jahrhunderts im Jahr 1864, als Dostojewski seine „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ (nunmehr auch als „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ bekannt) schrieb. Der fiebrige Monolog dieser verlorenen Seele scheint Frank die idealtypische Ouvertüre für das herannahende neue Jahrhundert zu sein. Den Hauptteil seines Buches unterteilt Frank in drei Abschnitte: bis zur Zeit des 1. Weltkriegs, die Zwischenkriegszeit und die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Einige Romane und Autoren, die Frank behandelt, sind wenig überraschend: Kafka: „Der Verschollene (Amerika“), Mann: „Der Zauberberg“, Proust: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ Joyce: „Ulysses“, Woolf: „Mrs. Dalloway“, Musil: „Der Mann ohne Eigenschaften“, Nabokov: „Lolita“ , Garcia Marquez: „Hundert Jahre Einsamkeit“. Aber schon mit dem ersten Buch sorgt Frank für einen Aha-Effekt: der in dieser Riege der literarischen Giganten eher als Leichtgewicht wirkende H.G. Wells mit seiner „Insel des Dr. Moreau“ ist eine ungewöhnliche, aber schlüssig argumentierte Wahl, vor allem, wenn er Wells den doch so anders gearteten André Gide gegenüberstellt. Ein anderes Beispiel: wem wäre Rudyard Kiplings „Kim“ als Schlüsselwerk des 20. Jahrhundert eingefallen? Oder von Hemingway ausgerechnet das eher unbekannte „In unserer Zeit“? Kurzum: Frank gelingt es, neue Perspektiven auf bekannte Werke zu eröffnen – und bei den dem Leser unbekannten Büchern macht er Lust, diese zu entdecken, was weitreichende Folgen für die Wunschliste des Lesers haben kann. Und dann gibt es noch eine Liste im Anhang, mit weiteren aus Franks Sicht bedeutenden Romanen …

Natürlich kann man bei dieser Auswahl über so manche Position anderer Meinung sein (mir fehlen z.B. Günter Grass und Thomas Bernhard). Aber das ist nicht wesentlich – wesentlich ist, dass Frank hier ein Buch vorgelegt hat, das die Kunst des „deep reading“ exemplarisch vorführt und spannende Blickwinkel auf den Roman und seine Beziehung zu den Zeitläuften eröffnet. Und schon allein dafür verdient das Buch eine Empfehlung.


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!