Christoph Peters: Entzug
#1
Da steht sie, die halbleere Wodkaflasche. Am Küchentisch, an einem Montagvormittag. Als die Frau ihren Mann fragt, wie die denn da hingekommen sei, kann er es nicht erklären. Denn er kann ihr nicht sagen, dass er sie schlicht aus Unachtsamkeit dort stehen gelassen hat, vorhin, als er schnell ein paar Schlucke daraus getrunken hat. Sie weiß, dass er zu viel trinkt. Was sie nicht weiß, wieviel es wirklich ist. Dass ihr Mann, der Schriftsteller, schon seit geraumer Zeit heimlich Wodka in die Wohnung schmuggelt und im Bücherregal hinter seinen Referenzwerken versteckt. Dass er täglich unbemerkt leere Schnapsflaschen entsorgt. Dass er heimlich die Grappa-Flasche in der Küche wieder auffüllt. Denn wenn er nicht sein tägliches Quantum trinkt, kommt das Zittern. Dann verliert er die Kontrolle über seine Hände so sehr, dass er nicht mehr tippen kann. Obwohl: mit dem Schreiben ist es nicht mehr weit her bei ihm, mit seinem neuen Roman kommt er nicht voran, sein Verleger zeigte sich mit dem zuletzt gelieferten Kapitel unzufrieden. Als er seinen Zustand nicht mehr länger verbergen kann, entschließt er sich, in einer Klinik einen Entzug zu machen.
Christoph Peters neuer Roman trägt nach eigenen Angaben autobiographische Züge, man sollte aber nicht den Fehler begehen, ihn für ein Bekenntnisbuch zu halten. Es ist immer noch ein Roman, in dem Peters sich mit dem Phänomen Sucht und der Möglichkeit, ihr zu entkommen, auseinandersetzt. Der Roman besteht aus zwei Teilen, im ersten Teil „Trinken“ beschreibt der Ich-Erzähler seinen Alltag, die komplizierte Logistik der Beschaffung und Entsorgung der Schnapsflaschen, das Verstecken seiner Sucht vor anderen und vor sich selbst, die damit einhergehen Lügen und Ausreden. Im zweiten Teil „Nicht trinken“ befinden wir uns nach dem schmerzlichen Eingeständnis, Alkoholiker zu sein, mit dem Erzähler in der Klinik, in der er seinen körperlichen Entzug vornimmt. Wir begleiten ihn zu den Therapierunden, sind mit ihm im Vier-Bett-Zimmer und im Raucherraum, in Situationen, in denen wir auch andere Abhängige und ihre unterschiedlichen Biographien und Strategien kennenlernen, mit ihrer Sucht umzugehen. Und hier vermittelt Peters dem Leser auch die Hoffnung, dass ein Leben nach der Sucht möglich ist. Am Ende des Buches liegen die Mühen der Ebene noch vor dem Protagonisten, aber ein Anfang ist gemacht – seine Frau, die im gesamten Buch nur „die Frau“ genannt wurde, hat jetzt zumindest eine Initiale.
Peters ist mit seinem Roman ein schonungsloses, dabei einfühlsames Buch über Sucht und ihre Auswirkungen auf Persönlichkeit und Beziehungen gelungen, das nie ins Predigen verfällt, sondern auf subtile Weise Hoffnung macht. Beindruckend.
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